Breadcrump- bzw. Brotkrümel-Navigation

Von Vinohrady nach Vršovice oder Zu den Kirchen der Prager Moderne

Fragen Sie sich, was das noble Residenzviertel Vinohrady mit dem benachbarten einstigen Arbeiterviertel und etwas in Vergessenheit geratenen Vršovice gemein hat? Fällt Ihnen nichts ein? Lassen Sie sich nicht täuschen – das scheinbar ungleiche Duo der Prager Stadtteile verbindet nämlich mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Eine der sichtbarsten Überschneidungen ist die ungewöhnliche Konzentration moderner Kirchenarchitektur aus der Zeit der Ersten Republik. Die originellen, innovativen und für ihre Zeit mutigen Kirchenbauten sind heute ein fester und bewundernswerter Bestandteil des bunten architektonischen Mosaiks der Hauptstadt.

  • Kirche St. Wenzel in Vršovice, Foto: PCT
  • Herz-Jesu-Kirche, Foto: PCT
  • Hus Haus (Husův sbor) in Vinohrady, Foto: PCT
  • Hus Haus (Husův sbor) in Vršovice, Foto: PCT
  • Herz-Jesu-Kirche, Foto: PCT
  • Kirche St. Wenzel, Foto: PCT

Die Geschichte Vinohradys, also des weitläufigen Gebiets östlich des Stadtzentrums, wird bereits seit dem 18. Jahrhundert geschrieben. Das heutige Aussehen des eleganten Viertels mit dem Hauch des alten Paris entstand an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als nach und nach ein geregeltes städtebauliches Konzept von Historisierungs- und Jugendstilhäusern in rechteckigen Wohnblöcken gruppiert errichtet wurde. Dieses umfasste auch öffentliche Plätze; und auf einem von ihnen, dem Platz / náměstí Jiřího z Poděbrad, fand eines der bemerkenswertesten modernistischen Heiligtümer seinen Platz – die Herz-Jesu-Kirche. Der slowenische Architekt, der berühmte Jože Plečnik, wollte in ihrem Bau den Geist antiker und altchristlicher Tempel mit der Idee einer Kirche des 20. Jahrhunderts verbinden. Und das gelang ihm perfekt. Der monumentale Sakralbau, der an Noahs Arche erinnert, fesselt vor allem mit seinem 40 Meter hohen Turm mit der größten Glasuhr Tschechiens (Durchmesser 7,5 Meter) und der nicht alltäglichen Kombination von Ecruverkleidung und Granit in der Fassade. Kein Wunder, dass Plečniks Kirche in den letzten Jahren stark mit einem Eintrag in die prestigeträchtige UNESCO-Liste kokettiert.

Ungefähr 300 Meter südlich davon, in der Dyková Straße, ist ein weiteres Unikat nicht zu übersehen – das Hus Haus (Husův sbor) in Vinohrady, ein Komplex aus dem Bethaus der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche, einem Wohnhaus und einem subtilen sechsstöckigen Turm. Es wurde in den 1930er Jahren vom Architekten Pavel Janák im damals äußerst fortschrittlichen konstruktivistischen Stil errichtet. Dieser aus der Ferne an einen warnenden Finger Gottes erinnernde Turm ist im Wesentlichen ein offener Stahlbetonglockenturm mit einer Wendeltreppe in der Mitte, die Sie bis ganz nach oben gehen können. Das ungewöhnlich moderne Interieur des Bethauses überrascht dann mit seiner raffinierten Disposition – es erinnert an ein zum Predigtstuhl abfallendes Amphitheater, das eine gute Sicht auf den Priester von jedem Platz in der Kirche aus ermöglicht.

Und jetzt Hand aufs Herz – wie viele Kirchen kennen Sie, die einen eigenen Theatersaal haben? Keine? Dann zeigen wir Ihnen eine. Wenn Sie sich von unserer letzten Haltestelle weiter Richtung Süden aufmachen und die breite Francouzská Straße überqueren, finden Sie sich in Vršovice wieder, in einem eigentümlicheren Viertel, das seinen dörflichen Ursprung nicht verleugnet. Im Herzen dieses Stadtteils, am Vršovické náměstí / Platz, können Sie das ungewöhnliche Gebäude des Hus Hauses (Husův sbor) aus dem Jahre 1930 aus der Werkstatt des Architekten Karel Truksa nicht verpassen. Es handelt sich um einen einzigartigen multifunktionellen Bau mit Elementen des Funktionalismus und Konstruktivismus, der in sich den sakralen Charakter einer Kirche mit einem kompletten Theater mit einem Saal für fast 300 Zuseher, Proberäumen, Garderoben, Maskenräumen und administrativen Büros vereint. Die Dominante des Bethauses der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche ist der mächtige, vierkantige, fast 26 Meter hohe Turm, abgeschlossen mit einem stilisierten viereckigen Kalich und Kreuz.

Und nur ein paar Schritte von hier, am Platz / náměstí Svatopluka Čecha, ragt wie ein Leuchtturm aus den Wellen der Dächer Vršovicer Häuser der weiße prismatische Glockenturm der Kirche St. Wenzel. Dieses Juwel der Prager sakralen Moderne wird von Experten als einer der gelungensten funktionalistischen Kirchenbauten in der Tschechischen Republik betrachtet. Hinter diesem grandiosen Projekt aus dem Jahre 1929 steht der Architekt Josef Gočár, der das abschüssige Gelände findig zur Schaffung drei kaskadenartiger Kirchenschiffe mit hoher halbkreisförmiger Kanzel nutzte. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass es sich um die allererste tschechische Kirche handelt, die unter Verwendung einer Stahlbetonkonstruktion errichtet wurde im geräumigen Inneren finden Sie daher keine Säulen oder sonstigen tragenden Elemente. Auch die Kirchenbeleuchtung wurde interessant gelöst – die Sonnenstrahlen strömen durch die breiten Dachfenster hinein und die Lichtintensität verstärkt sich so in Richtung zum Hauptaltar, was die perfekte optische Illusion eines unendlichen Raums erzeugt.

Schroff, zweckmäßig, nicht ornamental, trotzdem eindrucksvoll, elegant und zeitlos – das sind die „Vinohrader-Vršovicer“ modernen Kirchen der Zwischenkriegszeit. Ihr Besuch ist ein angenehmer, erfrischender Kontrast zur „schweren“ historischen Architektur des Prager Zentrums.

! Kontaktdaten und Öffnungszeiten der einzelnen Objekte finden Sie auf prague.eu.

Was Sie auch nicht verpassen sollten:

Wasserturm VinohradyKorunní 66, Vinohrady 
Der charmante Wasserturm aus dem Jahre 1882 erinnert ein wenig an ein romantisches Lustschlösschen. Das interessante technische Denkmal wurde im Neorenaissancestil errichtet und diente lange als Teil des Wassersystems für den damaligen Stadtteil Königliche Weinberge (Královské Vinohrady). Heute befinden sich Wohnungen darin.

Kotěra’s Villa,  Hradešínská 6, Vinohrady
Liebhaber moderner Architektur des frühen 20. Jahrhunderts lassen sicherlich nicht diese Villa aus, die sich der berühmte Architekt Jan Kotěra nach eigenem Entwurf errichtete. Der Bau, der rohes Mauerwerk mit grobem Putz kombiniert, ist durch die strenge rationale Logik der geometrischen Formen gekennzeichnet.

Šaloun Studio, Slovenská 4,  Vinohrady 
Das ehemalige Atelier eines der bedeutendsten tschechischen Bildhauer Ladislav Šaloun, unter anderem Schaffer des Denkmals von Meister Jan Hus am Altstädter Ring, gehört zu den Juwelen der Jugendstilarchitektur. Es war ein beliebter Ort für Treffen der heimischen Künstler, wobei auch Ema Destinnová, Alfons Mucha oder František Bílek nicht fehlten. Heute befindet sich das Gebäude im Eigentum der Akademie bildender Kunst und wird als Unterrichtsraum für ausländische Pädagogen verwendet.

Havlíčkovy sady (Grébovka)
Der von der italienischen Renaissance inspirierte Park ist mit Dutzenden seltenen Bäumen bewachsen und neben Springbrunnen, Wasserkaskaden und einem Teich verfügt er auch über eine bezaubernde künstliche Höhle, die sogenannte Grotte, und eine zweistöckige Neorenaissancevilla. Teil des Areals ist auch ein ehemaliger Spielpavillon (das heutige Gartencafé) und die wunderschöne Weinlaube aus Holz, in der Sie während der Saison Wein aus den Weingärten direkt unter Ihnen kosten können.

St.-Nikolaus-Kirche, Vršovice
Die ursprünglich gotische Kirche durchlief in der Vergangenheit viele Veränderungen inklusive umfassender interner Adaptionen. In der heutigen Zeit ist sie eine der Dominanten des Vršovicer Zentrums und gehört zu den ältesten Denkmälern des Stadtteils Prag 10.

Vršovice-Schlösschen – Rangherka, Moskevská 21,  Vršovice
Das imposante Neorenaissancegebäude steht am Rande des Parks Heroldovy sady und ist nach seinem ersten Besitzer benannt, dem italienischen Seidenhändler, Guiseppe Rangheri. Im Laufe der Zeit wurden in dem Objekt eine Schule, ein Museum und verschiedene Ämter angesiedelt, insbesondere das Vršovicer Rathaus. Vor kurzem wurde das Schlösschen umfassend renoviert und dient als Seniorenheim und Zeremoniensaal.

Fußballstadion Ďolíček / Eden Aréna, Vršovická 31 / www.bohemians.cz | U Slavie 2a / www.slavia.cz
Mit etwas Übertreibung gesagt, spielt sich das Leben in Vršovice zwischen zwei Fußballstadien, beziehungsweise Clubs ab – Slavia Praha und Bohemians Praha 1905. Der Erstgenannte spielt seine Spiele in der Eden Arena, einem multifunktionellen Stadion modernen Schnitts mit einer Kapazität von beinahe 21 000 Zusehern, die zweite Mannschaft führt ihren Fans ihre Kunst auf dem legendären heimatlichen Spielplatz intimeren Charakters vor - in Ďolíček.

Auf einen Kaffee, zum Mittag- oder Abendessen:
Los v Oslu a Belgický pivní klub (dt.: Elch in Oslo und Belgischer Bierclub)Perunova 17, Vinohrady 
Das gemütliche Stilrestaurant mit dem ungewöhnlichen Namen bietet Speisen der nordischen und französischen Küche, viele Arten von gezapften belgischen sowie tschechischen Bieren und 50 Arten von Flaschenbieren. Zu den beliebten Spezialitäten der Speisekarte gehören sowohl frische Muscheln, die auf mehrere Arten zubereitet werden, sowie auch tschechische Klassiker wie gebackene Schweinerippen oder Tartar vom Rinderfilet.

Café V lese (dt.: Café Im Wald), Krymská 12, Vršovice 
Das unkonventionelle Kaffeehaus stand am Anfang des gegenwärtigen Interesses an Vršovice, beziehungsweise trägt es die Schuld daran, dass die Krymská Straße zum neuzeitlichen Zentrum unabhängiger Kultur geworden ist. Das reiche Kulturprogramm und die Retroeinrichtung aus den 70er Jahren ziehen regelmäßig eine bunte Mischung an Gästen an. Teil des Cafés sind auch eine Galerie und ein Musikclub.

Plevel RestaurantKrymská 2, Vršovice 
In dem veganen und Raw Food Restaurant finden Sie jeden Tag ein nicht abgegriffenes Menü bestehend ausschließlich aus fleischlosen Speisen. Sie können sowohl rein traditionelle Gerichte wie auch aus exotischen Zutaten zubereitete probieren. Zu den interessanten Bonuspunkten gehört die Zubereitung von Speisen aus Wildpflanzen, die die Natur zur gegebenen Jahreszeit selbst anbietet.

Café Sladkovský, Sevastopolská 17,  Vršovice 
Eines der ersten Lokale, das begann, das angeschlagene Image Vršovices zu verbessern. Das eigentümliche Lokal ist von der Atmosphäre der Kaffeehäuser der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts inspiriert. Tagsüber empfehlen wir Frühstück, Kaffee und Mittagessen hier, abends verwandelt sich das Café Sladkovský dann in eine geschäftige Gaststätte voller Einheimischer. Ganztags warme Küche und eine ordentliche Auswahl hausgemachter Süßigkeiten verstehen sich von selbst.

Wie Sie dort hinkommen:
Metro A, Jiřího z Poděbrad
Straßenbahn 10, 16, 91 – Haltestelle Vinohradská vodárna
Straßenbahn 4, 13, 22, 97, 99 – Haltestelle Vršovické náměstí

Autor: Jan Pomykal, Prague City Tourism